GT-FAQs: Wieso, weshalb, warum … zieht sich das mit den neuen Strabas so lange?

Klar: Wer sie schonmal auf einer ihrer Proberunden durch Würzburg „erwischt“ hat, würde am liebsten gleich einsteigen. Doch bis die ersten nagelneuen Straßenbahnen vom Typ GT-F ihre Türen für alle öffnen können, liegt noch etwas Teststrecke vor ihnen. Wir erklären, was im Hintergrund alles passiert. Kleiner Spoiler: Das ist eine ganze Menge.
Die erste Tagfahrt des GT-F im Würzburger Liniennetz. // Foto: WVV.

Mehr Platz für weniger Stress, Klimaanlage gegen Sommerhitze, praktisch ebenerdiger Einstieg für größtmögliche Barrierefreiheit, WLAN gegen Langeweile, USB-Ladebuchsen für volle Akkus … Die neuen Würzburger Strabas vom Typ GT-F bringen alles mit, was Fahrgäste heute zurecht von einem modernen ÖPNV erwarten. Also dann: Raus aus der Fabrik, rauf den Tieflader, vom Tieflader aufs Gleis, Türen auf, Fahrgäste rein, los geht’s?

So gelungen eine solche Überraschung auch wäre – bei der Inbetriebnahme neuer Straßenbahnen ist das leider keine Option. Oder besser gesagt glücklicherweise! Schließlich besteht eine einzelne GT-F-Straba nicht nur aus sage und schreibe 35.000 Einzelteilen und 21 Kilometer Kabel. Die Fahrzeuge müssen im Laufe ihres Fahrzeuglebens Millionen Menschen zuverlässig von A nach B bringen. Überraschungen kann dabei also wirklich niemand gebrauchen. Genau deshalb werden die ersten beiden ausgelieferten GT-Fs seit Mitte 2025 bis ins kleinste Detail durchgetestet.

Durchtesten – was heißt das eigentlich genau?

Grundsätzlich darf man sich eine Straßenbahn nicht nur wie ein einzelnes Fahrzeug vorstellen. Sie ist vielmehr Teil eines ziemlich komplexen Gesamtsystems aus Strecke, Betriebshof, Verkehrsleitstelle, Werkstatt und Fahrbetrieb. Und dabei geht es nicht nur darum, dass sie fahrtauglich ist. Jedes Einzelteil und jede noch so kleine Schraube ist detailliert zu überprüfen und zu dokumentieren, damit die Straba für den Fahrgastbetrieb freigegeben werden kann. Daraus ergibt sich wiederum eine lange To-do-Liste für die aktuelle Phase der Inbetriebnahme. Darauf stehen zum Beispiel:

  • Beschleunigungs- und Geschwindigkeitsmessungen
  • Bremstests und Bremswegmessungen
  • Sicherheitschecks des Fahrgastraums und Führerstandes
  • Prüfung von Belüftungs- und Heizungssystem
  • Überprüfung des Funksystems
  • Abstimmung der Weichensteuerung
  • Risikotests und Verhalten bei Systemausfällen
  • Überprüfung der Entgleisungssicherheit
  • Fahrkomfort-, Lärm- und Emissionsmessungen
  • Abschleppübungen
  • Fahrerschulungen
  • und vieles mehr …

Denn: Wenn die Straba das erste Mal Würzburger Luft schnuppert, hat sie sich bis dahin noch nicht einen Meter aus eigener Kraft vorwärtsbewegt. Erst in Würzburg können allgemeine Dinge wie beispielsweise Antrieb und Bremsen ausgiebig getestet werden – anders als z.B. bei Autos, die schon mit einigen Laufmetern ausgeliefert werden.

Auch nachts werden Testfahrten durchgeführt. // Foto: WVV.

Eine lange Liste – für die man einen langen Atem braucht!

Die Strabas für Würzburg sind kein Produkt von der Stange, sondern werden speziell für die Stadt und ihre Gegebenheiten maßgefertigt. Genau deshalb dauert der Inbetriebnahme-Prozess auch lange. Denn Würzburg hat so einige Spezialitäten zu bieten: seien es die besonders engen Kurven an der Löwen- sowie der Friedensbrücke oder die bekannten steilen Streckenabschnitte. Allen voran die Route zum Heuchelhof-Berg. Mit einer Steigung von 9,1 % erfordert sie – als eine der steilsten Schienenstrecken Deutschlands (!) – zum Beispiel besonders ausführliche Zusatz-Bremstests. Sowohl bei trockenem Wetter oder strömendem Regen, bei Hitze oder Eiseskälte, bei geringer Beladung oder „voller Hütte“. Alles in allem nimmt damit schon alleine das Thema „Bremsen“ während der Test-Phase rund 100 Tage in Anspruch.

Simulation eines „voll beladenen“ Fahrzeugs für verschiedene Testläufe. // Foto: WVV.

Das Ziel der Tests ist die Inbetriebnahme-Genehmigung, damit wir den GT-F im Fahrgastbetrieb einsetzen dürfen. Diese wird durch die Technische Aufsichtsbehörde (TAB) ausgestellt. Man kann das mit der allgemeinen Betriebserlaubnis für ein Auto vergleichen – ohne diese darf ein Auto auch nicht auf die Straße.

Der Zulassungsprozess ist in 20 verschiedene Fachgebiete unterteilt und wird zusammen mit der TAB und weiteren externen Sachverständigen schrittweise durchgeführt. Nach jedem Schritt erfolgt eine Zwischenfreigabe. Weil so viele Tests gemacht werden und viele Personen daran beteiligt sind, ist die Organisation sehr aufwendig und es werden viele Ergebnis-Dokumente erstellt.

Dadurch kann sich auch der Zeitplan schon bei der geringsten Abweichung verändern. Dies ist also alles deutlich komplexer als z.B. eine TÜV-Abnahme beim Auto. Zudem können jederzeit auch ungeplante Verzögerungen den Terminplan gleich um Monate zurückwerfen. Wie beispielsweise die Insolvenz unseres Herstellers im letzten Jahr.

Wenn die Fahrzeuge extra für Würzburg gefertigt wurden: Könnte man die Tests nicht auch digital durchführen und Zeit sparen?

Fair point! Natürlich werden moderne Simulationstechnologien bei der Entwicklung von Straßenbahnen eingesetzt und helfen, den Prüfprozess vorzubereiten. Aber: Die Realität ist immer viel komplexer als jede Simulation. Der Zustand verschiedener Schienenabschnitte, Toleranzen im Gleisnetz, die schon angesprochenen Witterungseinflüsse, unterschiedliche Reaktionen des Fahrpersonals … all das lässt sich nie in der vollen Detailtiefe und im Wechselspiel aller Faktoren simulieren. Dass das übrigens nicht nur für Straßenbahnen gilt, sieht man auch an den vielen Pkw-„Erlkönigen“, die trotz hochentwickelter Computersimulationen nach wie vor zu Testfahrten auf die Autobahnen geschickt werden.

Jedes kleinste Detail wird ausführlich geprüft. // Foto: WVV.

Selbst die anspruchsvollsten Tests sind ja irgendwann mal geschafft. Wann und wo nehmen die GT-F ihren Betrieb auf?

Erstmals ging es im Februar 2026 für die GT-F spätnachts durchs komplette Würzburger Liniennetz, Ende März dann tagsüber durch die Stadt. Seitdem finden immer mal wieder Tag- und Nachtfahrten (ohne Fahrgäste) statt. Die Tests laufen nach wie vor auf Hochtouren – und wir nähern uns mit großen Schritten dem Live-Betrieb. Laut aktueller Planung sollen noch in diesem Jahr die ersten Fahrgäste einsteigen und die vielen Vorteile der GT-Fs genießen dürfen. Ein weiterer Nutzen der aktuell so ausführlichen Tests: die aktuellen Erkenntnisse können bereits in den Bau der neuen Fahrzeuge einfließen. Dadurch werden in den nächsten Jahren die Neuen dann schneller aufs Gleis kommen und „Zug um Zug“ fester Teil des Stadtbilds. Insgesamt hat die WVV 18 GT-F-Straßenbahnzüge bestellt.

18 neue Straßenbahnen werden künftig durch Würzburg fahren. // Foto: WVV.

Wie es auf der Reise weitergeht, beleuchten wir auch regelmäßig auf unseren Social-Media-Kanälen (Instagram & Facebook). Ein ausführliches Bautagebuch mit weiteren spannenden Details und Hintergrundinfos gibt es hier zu lesen.

Weitere Artikel

Made with ❤️ in Würzburg