Neue Technik, leichterer Zugang, flexible Preismodelle: Wie das E-Lastenrad-Sharing in Würzburg noch attraktiver wird

Seit 2022 verleiht die sigo green GmbH (vormals sigo GmbH) aus Darmstadt Elektro-Lastenräder in Würzburg und leistet damit einen wichtigen Beitrag zur lokalen Verkehrswende. Angetrieben werden die E-Lastenräder mit zertifiziertem Ökostrom der WVV Energie. Diesen Sommer stehen nun wichtige Änderungen an, die das Sharing-Angebot, das schon jetzt sehr gut angenommen wird, noch attraktiver machen.

Im Interview erläutert der neue Geschäftsführer Kai von Borck, um welche Neuerungen es geht und wie er das Angebot zukünftig weiterentwickeln möchte.

Kai von Borck, Geschäftsführer von sigo green
Kai von Borck, Geschäftsführer von sigo green. // Foto: sigo green

Herr von Borck, inwieweit stellt sich das E-Lastenrad-Sharing von sigo green in Würzburg neu auf?

Wir leisten gerade eine wichtige Investition in die Modernisierung der Flotte. So statten wir zum Beispiel alle Lastenräder mit einem neuen Schließsystem aus, das zuverlässiger und einfacher in der Handhabung ist, aber auch weniger Energieverluste erzeugt. Das hat Vorteile für die Nutzerinnen und Nutzer, aber ehrlicherweise auch für uns. Das bisherige System war sehr robust, aber eben auch sehr komplex. Diese Komplexität führt zu erhöhten operativen Kosten. Und hier muss man einfach wissen: Für alle Anbieter von Mikromobilität sind niedrige operative Kosten von entscheidender Bedeutung. Wenn man die nicht im Griff hat, dann überlebt man nicht am Markt. Wir investieren also, um die Kosten dauerhaft auf ein angemessenes Niveau zu senken. Die daraus entstehenden Kostenvorteile wollen wir perspektivisch auch an unsere Partner und an die Nutzer weitergeben.

Apropos Kosten: Es gab ja in Würzburg Kritik an Ihrer Preiserhöhung vor einem Jahr. Wie sind Sie damit umgegangen?

Wir haben diese Kritik sehr ernst genommen und die Preisanpassung nach oben teilweise wieder rückgängig gemacht beziehungsweise über die Fahrtguthaben-Pakete abgefedert. So haben wir beispielsweise beim größten Fahrtguthaben-Paket den Preis sogar unter das vorherige Niveau gesenkt, um damit die Vielfahrer zu honorieren. Denn für uns sind nicht nur viele Nutzer wichtig, sondern gerade auch häufige Nutzer.

Warum ist die Häufigkeit der Nutzung so entscheidend?

Wir haben ja kein Produkt wie etwa „Call-a-Bike“, wo man sich am Bahnhof spontan ein Fahrrad mietet, statt mit Taxi oder Straßenbahn weiterzureisen, und das Rad dann irgendwo wieder abstellt. Bei uns handelt es sich stattdessen um einen „A-zu-A-Verkehr“. Das heißt: Die Menschen müssen wissen, wo unsere Stationen sind, und idealerweise in einem Umkreis von ungefähr fünf Minuten Fußweg um diese Stationen leben oder arbeiten. Denn unsere Analysen zeigen, dass die zumutbare fußläufige Strecke fünf Minuten beträgt. Danach nimmt die Nutzungsintensität stark ab. Solange wir unser E-Lastenrad-Sharing noch nicht in diesem Sinne flächendeckend anbieten können, ist es für den Erfolg unseres Angebots besonders wichtig, dass diejenigen, die in der näheren Umgebung unserer Stationen leben, es möglichst häufig nutzen. Parallel dazu arbeiten wir aber daran, die Standortdichte zu erhöhen. Jüngst haben wir einen weiteren Standort mit drei E-Bikes und einem Lastenrad in Betrieb genommen, so dass wir in Würzburg jetzt bei 15 Standorten sind.

Leonie Beck mit dem E-Lastenrad in der Würzburger Altstadt
Die mehrfache Schwimmweltmeisterin Leonie Beck mit dem E-Lastenrad in der Würzburger Altstadt. // Foto: Sven Gehwald

Die Bürgerinnen und Bürger Würzburgs können sich also auf einen weiteren Ausbau Ihres Angebots in der Stadt freuen?

Auf jeden Fall. Unsere Vision ist es, im Endausbau alle fünf Minuten Fußweg ein Lastenrad zur Verfügung stellen zu können. Ziel ist es, dass alle Menschen in der Stadt, die auf ein Auto verzichten wollen, trotzdem mit zumutbarem Aufwand auch Lasten transportieren können. Würzburg war in Sachen lokaler Verkehrswende einer der Vorreiter und ist es noch immer. Unser Angebot wird hier sehr gut angenommen, und dieses Momentum wollen wir nutzen.

Kommen wir noch einmal auf das Thema „Neuerungen“ zurück: Wodurch wollen Sie Ihr Angebot noch attraktiver machen?

Zum einen führen wir neben dem neuen Schließsystem in Kürze auch eine neue App und ein neues Backend ein – also die IT-Lösung, die für die Datenverarbeitung und Bereitstellung von Funktionen im Hintergrund zuständig ist. Die Fahrräder als solche bleiben zwar identisch, aber alles, was sich dahinter systemseitig abspielt, modernisieren wir und bringen es auf ein neues Niveau. Zum anderen werden wir neue Preismodelle einführen: Zum Beispiel wird es ein Abo geben, bei dem man über eine Monats- oder Jahresgebühr unsere Räder letztlich preisgünstiger nutzen kann. Damit belohnen wir wieder die häufigen Nutzer. Gleichzeitig werden wir aber auch niederschwellige Angebote für die Erstnutzung machen. Wir wollen möglichst vielen Menschen einen Anreiz bieten, unser Sharing-Angebot mal auszuprobieren und den Umgang mit einem E-Lastenrad zu üben. Diesem Zweck dienen auch Aktionen wie unsere Freifahrten für Erstnutzer, die wir immer mal wieder anbieten. Insgesamt sind wir künftig preislich flexibler und denken zum Beispiel auch über Bonustarife sowie über dynamische Preismodelle nach – also Sonderangebote in Zeiten niedriger Nachfrage.

Was tun Sie noch, um die „Fangemeinde“ des E-Lastenrad-Sharings in Würzburg zu vergrößern?

Zum Beispiel senken wir die Hürde für die Erstnutzung, indem wir den Anmeldeprozess erleichtern und PayPal als neuen Zahlungsmodus anbieten. Das ist ein weit verbreitetes Zahlungsmittel, das gerade bei unserer Kernzielgruppe der unter 40-Jährigen sehr beliebt ist. Auf diese Weise können wir jemanden bei der Erstnutzung sofort freischalten: Zur Authentifizierung fragen wir die Handynummer ab und lassen diese über einen SMS-Code bestätigen; die Zahlung läuft anschließend über PayPal. Das ist ein weiterer Vorteil, den die neue App bietet. Im Unterschied dazu mussten wir bisher bei der Anmeldung immer eine umständliche Prüfung des Personalausweises vornehmen, um uns vor Missbrauch zu schützen. Denn bei der SEPA-Lastschrift kann halt jemand einfach die Kontonummer der Ex-Freundin angeben – und diese widerspricht dann natürlich der Abbuchung, weil sie ja nachweislich gar nicht gefahren ist.

Leonie Beck mit dem E-Lastenrad beim Picknicken
Die mehrfache Schwimmweltmeisterin Leonie Beck mit dem E-Lastenrad beim Picknicken. // Foto: Sven Gehwald

Geht es Ihnen auch darum, neue Zielgruppen für das Angebot zu gewinnen?

Hier muss man realistisch sein: Unsere Kernzielgruppen werden auch weiterhin Studierende und junge Familien sein, also die schon erwähnten Menschen unter 40. Die höheren Altersgruppen nutzen ein Fahrrad hauptsächlich als Sportgerät oder für einen Ausflug am Wochenende. Aber wenn diese Menschen etwas zu transportieren haben, dann greifen sie doch auf das meist vorhandene eigene Auto zurück – oder sie leihen sich eines im Bekanntenkreis oder lassen sich die Ware nach Hause liefern. Allerdings versuchen wir, den Anteil der Nutzerinnen zu erhöhen, denn bisher wird unser Angebot überproportional von Männern genutzt. Das hat vermutlich damit zu tun, dass man bei unseren Lastenrädern immerhin rund 50 Kilo zu bewegen hat. Menschen, die körperlich etwas zierlicher sind, trauen sich das nicht ohne Weiteres zu. Und das betrifft tendenziell eben mehr Frauen als Männer.

Was kann man tun, um mehr Frauen für das E-Lastenrad zu begeistern?

Mittelfristig wollen wir diesem Problem dadurch begegnen, dass wir die nächste Serie unserer Räder leichter und wendiger machen. Das haben wir uns fest vorgenommen. Kurzfristig muss es darum gehen, den Menschen die Angst zu nehmen, es einfach mal auszuprobieren. Das ist ein bisschen so, wie wenn man sich für einen Umzug zum ersten Mal im Leben einen Transporter mietet, bei dem man sich beim Einparken ganz auf die Außenspiegel verlassen muss. Das ist zunächst ungewohnt, aber durch Übung lernt man es. Genauso ist es mit dem Lastenrad. Deswegen geben wir auch gerne Freifahrten raus für Erstnutzer, damit diese zunächst mal üben können. Und wir machen ab und zu Mieter-Events, bei denen Neulinge unsere Räder ausprobieren können. Solche Events möchten wir künftig noch häufiger machen. So manches angstverzerrte Gesicht verwandelt sich schnell in ein breites Lächeln, wenn man merkt, dass das Lastenrad doch viel leichter zu handhaben ist als man dachte, und wie viel Spaß es macht, sich damit in die Kurve zu legen. Auch die WVV hat ja schon für ihre Kunden solche Events angeboten, die sehr gut angenommen wurden.

Leonie Beck mit dem E-Lastenrad beim Gemüsekauf auf dem Würzburger Marktplatz
Die mehrfache Schwimmweltmeisterin Leonie Beck mit dem E-Lastenrad beim Gemüsekauf auf dem Würzburger Marktplatz. // Foto: Sven Gehwald

Stichwort „WVV“: Wie beurteilen Sie die Zusammenarbeit?

Was mir an der Zusammenarbeit mit der WVV außerordentlich gut gefällt, ist der sehr offene Dialog – und dass wir gemeinsam an einem Ziel arbeiten: Wie können wir die Verkehrswende vor Ort gemeinsam vorantreiben? Wir hatten ja schon in den vergangenen beiden Jahren einige gemeinsame Aktionen mit der WVV. Die bekannte, starke Marke „WVV Energie“ hilft uns sehr dabei, unser Sharing-Angebot in Würzburg bekannter zu machen und zu verbreiten. So sind zum Beispiel alle unsere Fahrzeuge mit dem Kampagnenmotiv „WVV Energie 100 % Würzburg“ beklebt. Außerdem machen spezielle Aktionen etwa in der „MeineWVV-App“ auf das E-Lastenrad-Sharing aufmerksam. Nutzerinnen und Nutzer der Anwendung können sich dort hin und wieder einen Gutscheincode mit 10 Euro Startguthaben herunterladen. Diese Kooperation möchten wir gerne ausbauen. Wir denken da zum Beispiel an einen vergünstigten Tarif für WVV-Stromkunden im erwähnten Abo. Ich kann nur sagen: Die Partnerschaft mit der WVV funktioniert ausgesprochen gut.

Das Gleiche gilt im Übrigen für die Zusammenarbeit mit der Stadt. Wir haben ja mit vielen Kommunen zu tun, und von daher habe ich die Vergleichsmöglichkeit. Und da muss ich sagen: In Würzburg läuft das vorbildlich. Man findet hier bei allen Herausforderungen stets pragmatische Lösungen, weiß immer: Da ist ein Wille, und deswegen wird auch ein Weg gefunden. Das empfinde ich als sehr inspirierend. Tatsächlich ist es so, dass ich auch im Gespräch mit anderen Kommunen, wenn diese diverse Bedenken vortragen und Zweifel haben, dass sie das alles schaffen, manchmal sage: „Schaut Euch die Würzburger an – die haben es gewollt und dann ging es auch! Wenn Ihr also Fragen habt, ruft einfach mal in Würzburg an!“

Weitere Artikel

Made with ❤️ in Würzburg